{"id":1268,"date":"2014-10-28T04:11:32","date_gmt":"2014-10-28T04:11:32","guid":{"rendered":"http:\/\/sauriertech.de\/?p=1268"},"modified":"2014-10-28T04:56:36","modified_gmt":"2014-10-28T04:56:36","slug":"mary-ann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sauriertech.de\/?p=1268","title":{"rendered":"Mary Ann"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ihr ein wenig Zeit habt, dann ist hier eine ausf\u00fchrlichere Fallgeschichte die zeigt, warum Medizin in Nangina h\u00e4ufig sehr schwierig ist.<\/p>\n<p>Mary Ann ist 7 Jahre alt und war w\u00e4hrend der letzen vier Wochen bei uns auf der Kinderstation.<br \/>\nDa unser kenianischer Kollege die Pr\u00e4senzarbeitszeiten sehr flexibel gestaltet und eher eine 7-10 Stundenwoche hat, habe ich in den letzten Wochen auch die Kinderstation betreut.<\/p>\n<p>Mary Ann wurde bewusstlos aus einem der umliegenden Krankenh\u00e4user zu uns verlegt. Die Vorgeschichte war sp\u00e4rlich. Einen Verlegungsbericht gab es nicht, aber aus dem Bericht der Oma und dem Ambulanzheft konnte man schlie\u00dfen, dass sie positiv auf Malaria und HIV gestestet worden war und bei Verdacht auf Cerebrale Malaria zu uns geschickt wurde.<\/p>\n<p>So weit noch nichts ungew\u00f6hnliches \u2013 dass die Malaria auch das Gehirn betrifft und zu einem Anschwellen des Gehirns (durch Wassereinlagerungen) mit Bewusstseinsverlust und Krampfanf\u00e4llen f\u00fchrt, ist Alltagsgesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Leider wurde Mary Ann aber nicht wach. Auch eine \u201cR\u00fcckenmarkspunktion\u201d zu Beginn des Aufenthaltes bei uns war unauff\u00e4llig, keine Hirnhautentz\u00fcndung.<br \/>\nMittlerweile war die erste Woche bei uns &#8218;rum und die Eltern noch immer nicht in Erscheinung getreten. Die Oma m\u00fctterlicherseits spricht nur wenig Kiswahili, kein Englisch sondern nur Kisamya \u2013 die lokale Sprache.<br \/>\n\u00dcber die Tage lie\u00df sich dann zumindest so viel erfahren, dass die Mutter sich von ihrem Ehemann getrennt hat und sich die Oma allein um Mary Ann k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Wie hier \u00fcblich, wurde auch Mary Ann sehr breit mit Antibiotika behandelt (bei Malaria haben ungef\u00e4hr 10% der Kinder eine begleitende bakterielle Infektion), aber das Fieber ging nicht runter und sie wurde auch nicht wach.<br \/>\nMit der Oma hatte ich mittles \u00dcbersetzer schon mehrmals eine Verlegung in ein gr\u00f6\u00dferes Krankenhaus mit Kinderarzt und, falls finanziell m\u00f6glich, auch einer CT des Kopfes (kostet hier ca. 80 Euro) besprochen, doch allein wollte Mary Anns Gro\u00dfmutter keine Entscheidung treffen.<br \/>\nMary Ann wurde unterdessen mittels Magensonde ern\u00e4hrt \u2013 diese einfachen Plastikschl\u00e4uche sind ein echter Segen \u2013 und das Fieber ging trotz Antibiotika nicht weg. Die Worte meines Oberarztes aus Greven im Ohr, dass manchmal \u201cPolypragmasie\u201d das probate Mittel ist, wurde die Therapie dann weiter ausgeweitet:<br \/>\nWenn das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen ist, z.B. durch einen Schlaganfall oder nach einem Unfall, oder eben weil der Druck im Kopf zu hoch ist, kommt es h\u00e4ufig auch zu hohem Fieber, ohne dass eine Infektion vorliegt. Mit dieser Idee im Kopf und da pl\u00f6tzlich auch der Urin beinahe wasserklar wurde und die Ausscheidung deutlich zunahm, wurde Mary Ann dann ebenfalls auf ein Hirn\u00f6dem behandelt.<br \/>\nMit einem CT Befund und einem Neurochirurgen kann man das in Deutschland sehr gut machen, hier ist es deutlich schwieriger. Ohne die finanziellen Mittel um das Kind zu verlegen und da die Lumbalpunktion leider keine Besserung brachte (manchmal kann man einfach \u00fcber den R\u00fcckenmarkskanal einen Teil des Nervenwassers ablassen und die Patienten werden wieder wach, h\u00f6ren auf zu krampfen und zu erbrechen \u2013 funktioniert bei vielen erwachsenen Patienten) mussten wir Mary Ann mit den vorhandenen Medikamenten gegen erh\u00f6hten Hirndruck behandeln.<br \/>\nDas Fieber ging zur\u00fcck und nach einigen Tagen war auch der Urin wieder normal gef\u00e4rbt, aber unsere Patientin wurde nicht wach. Ob die Therapie also richtig war oder nicht \u2013 ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p>Mittlerweile war Mary Ann 10 Tage bei uns und die Therapie hatte bisher keinen Durchbruch gebracht. Dann tauchte die Mutter auf. Auch ihr habe ich die bisherige Therapie, den aktuellen Stand und eine Verlegung in ein gr\u00f6\u00dferes Krankenhaus erkl\u00e4rt und sie willigte ein, sie m\u00fcsse sich nur noch um das Finanzielle k\u00fcmmern.<br \/>\nMary Ann ist nicht krankenversichert. Die \u00f6ffentliche Versicherung kostet in Kenia 1,40 Euro im Monat und gilt dann f\u00fcr die gesamte Familie. Dass Patienten l\u00e4nger im Krankenhaus bleiben und sich die Entlassung oder die Verlegung verschiebt, weil die Familie erst das Geld zusammenbekommen mu\u00df ist auch ein allt\u00e4gliches Problem.<br \/>\nSo weit also nichts Ungew\u00f6hnliches.<br \/>\n\u00dcber verschiedene Krankenschwestern war zu erfahren, dass Mary Anns Mutter ebenfalls HIV positiv ist, alleine in Mombasa lebt und sich vom Vater getrennt hatte. Dieser sei jetzt in Kakamega (einer Stadt ca. zwei Stunden von hier) dabei, das Geld f\u00fcr die Verlegung zu organisieren. Die Mutter tauchte nie wieder auf. Dann verschwand f\u00fcr mehrere Tage auch die Oma.<br \/>\nSchlie\u00dflich trat die Oma v\u00e4terlicherseits in Erscheinung. Modern gekleidet und in bestem Englisch erkundigte sie sich nach dem Stand der Dinge \u2013 die Hoffnung, dass sie sich jetzt um ihre Enkelin k\u00fcmmere, blieb leider unerf\u00fcllt.<br \/>\nImmerhin kehrte die andere Gro\u00dfmutter wieder zur\u00fcck. Bez\u00fcglich Verlegung und weiterer Therapie herrschte Funkstille \u2013 man bespreche sich in der Familie.<\/p>\n<p>Erst Morris, ein \u00e4lterer Pfleger der auch den lokalen Dialekt spricht und nicht weit von Nangina aufgewachsen ist konnte ein wenig Licht ins Dunkel bringen:<br \/>\nMary Anns Mutter hatte nach dem Besuch im Krankenhaus einen Krampfanfall erlitten und war ebenfalls eine Zeit lang bewusstlos gewesen. Das habe die Gro\u00dfmutter in der Annahme best\u00e4tigt, dass Mary Ann eigentlich verhext worden sei. Der Fluch habe sich durch den Krankenbesuch auf die Mutter \u00fcbertragen und jetzt m\u00fcsse man so lange beten, bis der Fluch gebrochen w\u00e4re. Daher war Mary Anns Mutter nie wieder im Krankenhaus erschienen. Auch das von au\u00dfen betrachtet fehlende Interesse an einer Verlegung war nun erkl\u00e4rbar \u2013 die Familie hatte beschlossen, dass Mary Anns Zustand Folge eines Fluches sei und dieser k\u00f6nne nur durch ausdauerndes Beten gebrochen werden.<\/p>\n<p>Am letzen Wochenende hatten wir frei und Mary Ann wurde von unserem Kollegen nach Hause entlassen. Die Mutter des Vaters bezahlte die Krankenhausrechnung und Mary Ann wurde mit nach Hause genommen. Immerhin wollte man sich darum bem\u00fchen, dass die Magensonde regelm\u00e4\u00dfig erneuert wird und eine Krankenschwester aus der Nachbarschaft Mary Ann mitbetreue.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ihr ein wenig Zeit habt, dann ist hier eine ausf\u00fchrlichere Fallgeschichte die zeigt, warum Medizin in Nangina h\u00e4ufig sehr schwierig ist. 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